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Nachhaltige Beschaffung

Nachhaltige Beschaffung – Definition und Bedeutung im Vergabewesen

Was ist nachhaltige Beschaffung?

Nachhaltige Beschaffung bezeichnet einen strategischen Ansatz bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, bei dem neben wirtschaftlichen Aspekten auch ökologische und soziale Kriterien berücksichtigt werden. Das Konzept basiert auf dem Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit und zielt darauf ab, durch bewusste Einkaufsentscheidungen positive Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft zu erzielen, ohne die Wirtschaftlichkeit zu vernachlässigen.

Strukturen und Neuerungen im Vergaberecht - Das VergRTransfG und seine Auswirkungen

Mit dem Vergaberechtstransformationsgesetz (VergRTransfG) steht das Vergaberecht vor einer grundlegenden Modernisierung, die Nachhaltigkeit stärker in den Mittelpunkt rückt. Ein zentrales Element ist der geplante neue § 120a GWB, der erstmals eine verbindliche Berücksichtigung sozialer und umweltbezogener Kriterien bei öffentlichen Aufträgen vorsieht. Die Regelung folgt einem dreistufigen Ansatz: Öffentliche Auftraggeber sollen künftig in der Regel mindestens ein Nachhaltigkeitskriterium in das Vergabeverfahren integrieren („Soll“-Vorgabe). Für besonders relevante Beschaffungen wird dies sogar verpflichtend („Muss“-Vorgabe). Zusätzlich ist eine Negativliste geplant, die bestimmte umwelt- oder sozialschädliche Produkte von der Beschaffung ausschließt. Diese strukturellen Änderungen schaffen mehr Verbindlichkeit und Transparenz im Prozess und eröffnen sowohl Auftraggebern als auch Unternehmen neue Chancen, sich aktiv an der sozial-ökologischen Transformation zu beteiligen.

Gesetzliche Grundlagen der nachhaltigen Beschaffung

Die nachhaltige Beschaffung ist im deutschen Vergaberecht verankert. Wesentliche Grundlagen bilden:

Diese rechtlichen Rahmenbedingungen ermöglichen es öffentlichen Auftraggebern, Nachhaltigkeitskriterien in verschiedenen Phasen des Vergabeverfahrens zu integrieren.

Die drei Dimensionen der nachhaltigen Beschaffung

Ökologische Nachhaltigkeit

Diese Dimension umfasst Aspekte wie:

  • Reduktion von CO2-Emissionen und Energieverbrauch
  • Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft
  • Vermeidung umweltschädlicher Stoffe
  • Nutzung erneuerbarer Energien
  • Lebenszyklusbetrachtung von Produkten

Soziale Nachhaltigkeit

Hierzu zählen:

  • Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards
  • Faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung
  • Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit
  • Barrierefreiheit und Zugänglichkeit
  • Berücksichtigung der ILO-Kernarbeitsnormen

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit

Diese beinhaltet:

  • Lebenszykluskosten statt reiner Anschaffungskosten
  • Langlebigkeit und Reparierbarkeit
  • Innovationsförderung
  • Regionale Wertschöpfung
  • Kosteneffizienz im Betrieb

Integration von Nachhaltigkeitskriterien im Vergabeverfahren

Als Bieter sollte man wissen, dass Nachhaltigkeitskriterien an verschiedenen Stellen im Vergabeverfahren berücksichtigt werden können:

In der Leistungsbeschreibung

Hier können konkrete Anforderungen an Produkte oder Dienstleistungen definiert werden, wie Energieeffizienzklassen, Recyclinganteil oder spezifische Umweltzertifikate.

Bei den Eignungskriterien

Auftraggeber können beispielsweise Umweltmanagementsysteme (ISO 14001, EMAS) oder soziale Managementsysteme als Nachweis der technischen Leistungsfähigkeit fordern.

Bei den Zuschlagskriterien

Neben dem Preis können Umwelteigenschaften, soziale Kriterien oder Lebenszykluskosten als Bewertungskriterien herangezogen werden.

Bei den Ausführungsbedingungen

Diese können z.B. die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards während der Vertragslaufzeit verbindlich festlegen.

Nachhaltigkeitsnachweise und Zertifikate

Bieter können ihre Nachhaltigkeitsleistungen durch verschiedene Nachweise dokumentieren:

  • Umweltzeichen (Blauer Engel, EU-Ecolabel, Nordic Swan)
  • Energieeffizienzlabel
  • Zertifikate für nachhaltige Forstwirtschaft (FSC, PEFC)
  • Sozialstandards (SA8000, Fairtrade)
  • Umweltmanagementsysteme (ISO 14001, EMAS)
  • Produktspezifische Umweltdeklarationen (EPD)
  • CSR-Berichte nach GRI-Standard

Chancen der nachhaltigen Beschaffung für Bieter

Die zunehmende Bedeutung nachhaltiger Beschaffung bietet Bietern vielfältige Chancen:

  1. Wettbewerbsvorteil: Unternehmen mit nachweisbar nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen können sich von Mitbewerbern abheben.
  2. Neue Geschäftsfelder: Die Nachfrage nach innovativen, nachhaltigen Lösungen eröffnet neue Marktpotenziale.
  3. Imageverbesserung: Die Beteiligung an nachhaltigen Ausschreibungen kann das Unternehmensimage stärken.
  4. Innovationsförderung: Nachhaltigkeitsanforderungen können als Treiber für Produktinnovationen dienen.
  5. Langfristige Kundenbeziehungen: Nachhaltige Produkte mit langer Lebensdauer fördern langfristige Geschäftsbeziehungen.

Herausforderungen für Bieter bei nachhaltigen Ausschreibungen

Die Teilnahme an nachhaltigen Ausschreibungen kann für Bieter auch Herausforderungen mit sich bringen:

  1. Dokumentationsaufwand: Der Nachweis von Nachhaltigkeitskriterien erfordert oft umfangreiche Dokumentation.
  2. Zertifizierungskosten: Die Erlangung von Umwelt- oder Sozialzertifikaten kann mit erheblichen Kosten verbunden sein.
  3. Komplexität der Anforderungen: Nachhaltigkeitskriterien können komplex und schwer zu interpretieren sein.
  4. Höhere Anschaffungskosten: Nachhaltige Produkte können in der Anschaffung teurer sein, was bei reinen Preisvergleichen nachteilig sein kann.

Praxistipps für Bieter bei nachhaltigen Ausschreibungen

  1. Frühzeitige Vorbereitung: Gängige Nachhaltigkeitskriterien der jeweiligen Branche sollten bekannt sein, und entsprechende Nachweise sind frühzeitig vorzubereiten.
  2. Gesamtkosten hervorheben: Die Lebenszykluskosten der angebotenen Produkte sollten deutlich gemacht werden, insbesondere wenn sie trotz höherer Anschaffungskosten langfristig wirtschaftlicher sind.
  3. Transparente Kommunikation: Nachhaltigkeitsleistungen sind klar und präzise in den Angebotsunterlagen darzustellen.
  4. Zertifizierungen erwerben: Relevante Umwelt- und Sozialzertifizierungen belegen die fachliche Kompetenz und stärken die Glaubwürdigkeit.
  5. Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln: Eine interne Nachhaltigkeitsstrategie sollte alle relevanten Bereiche der Geschäftstätigkeit abdecken und langfristig verankert sein.

Tipp: Mit Vergabepilot.AI lassen sich Ausschreibungen mit Nachhaltigkeitskriterien gezielt identifizieren und vergleichen. Dadurch wird ersichtlich, in welchen Verfahren ökologische und soziale Anforderungen eine Rolle spielen.

Ausblick: Trends der nachhaltigen Beschaffung

Die nachhaltige Beschaffung gewinnt zunehmend an Bedeutung und wird durch verschiedene Trends geprägt:

  1. Klimaneutralität: Die Anforderungen bezüglich CO2-Neutralität werden weiter zunehmen.
  2. Digitalisierung: Digitale Lösungen zur Erfassung und Bewertung von Nachhaltigkeitsdaten werden wichtiger.
  3. Kreislaufwirtschaft: Konzepte wie Circular Economy, Recycling und Wiederverwendung gewinnen an Bedeutung.
  4. Lieferkettenverantwortung: Die Nachverfolgbarkeit und Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette wird verstärkt gefordert.
  5. Harmonisierung der Kriterien: Eine zunehmende Standardisierung von Nachhaltigkeitskriterien ist zu erwarten.

Fazit

Nachhaltige Beschaffung ist längst mehr als ein Trend - sie ist zu einem zentralen Bestandteil moderner Vergabepraxis geworden. Durch die Berücksichtigung ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Kriterien tragen öffentliche Auftraggeber aktiv zu einer verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Wirtschaft bei. Für Unternehmen bietet dieser Ansatz nicht nur neue Marktchancen, sondern auch die Möglichkeit, Innovation, Qualität und gesellschaftliche Verantwortung zu verbinden. Für Bieter wird es daher immer wichtiger, Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie zu etablieren, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und neue Marktchancen zu nutzen.

Wichtige Begriffe

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